Seit der Diagnose haben sich unsere Prioritäten und Wertigkeiten verschoben. In unserem Leben ist etwas Schlimmes passiert, aber Jammern und Selbstmitleid ist nichts für uns. Wir nehmen die Herausforderung an, gehen in uns und reflektieren unser Leben. Zuvor haben wir alles für unseren beruflichen Erfolg getan. Wir haben oft 80-90 Stunden die Woche gearbeitet, Freunde und Familien vernachlässigt und ein wenig vergessen, zu leben.

Ulf und ich nehmen uns jetzt jeden Tag Zeit, um darüber nachzudenken, wofür wir dankbar sind. 3 Dinge schätzen wir wirklich jeden Tag ganz besonders – unabhängig davon, was uns sonst noch Positives begegnet.

Dankbarkeit ist Wertschätzung für das, was man hat,
anstatt ständig daran zu denken, was man nicht hat.

Wir sind dankbar, dass wir uns jeden Morgen und Abend „Ich liebe Dich“ sagen können.

Gleich zu Beginn der Diagnose hat Ulf die Information erhalten, dass er in naher Zukunft mit ein paar Defiziten rechnen sollte. Er könnte Probleme mit der Motorik, dem Sehen und auch dem Sprechen bekommen. Es kann passieren, dass er sich nicht mehr richtig ausdrücken kann, Wortfindungsstörungen bekommt und dann bald gar nichts mehr geht…

Gerade zu Beginn der Krankheit sind wir oft Nächte lang wach gelegen. Wir wollten nicht einschlafen. Ulf wollte nicht aufhören, mir all die Dinge zu sagen, die er in dem Moment als wichtig empfand. Er hat sich gegen das Einschlafen gewehrt. Und das alles nur, weil er jeden Abend Angst hatte, dass er am Morgen nicht mehr sagen kann, wie lieb er uns alle hat.

Diese Angst ist mittlerweile gewichen und wir freuen uns jeden Abend auf den neuen Tag. Bis jetzt ist nichts von dem eingetroffen, was die Ärzte uns prophezeit haben. Es sind mittlerweile so viele Tage vergangen, an denen alles gut gegangen ist. Und wir hoffen auf noch viel mehr „Ich liebe Dich“s an jedem Morgen und Abend.

Ulfs warme Hand halten – die ganze Nacht über.

Wenn einem plötzlich bewusst wird, dass es jeden Tag soweit sein kann, dass er eines morgens nicht mehr neben einem aufwacht, dann wird einem ganz anders. Der Raum unter der Schädeldecke ist eng und begrenzt. Wenn der Tumor oder das Ödem (die „Begleitung“ des Tumors) sich ausweitet und das Gehirn unter großen Druck gerät , dann wars das. Schneller, als einem lieb ist…

Nach so einer Diagnose und all den ärztlichen Besprechungen die wir danach hatten, hat man vor allem immer noch keine Ahnung, was auf einen zukommt. Man hat jede Menge Angst. Aber irgendwie ist es uns beiden gelungen, diese Angst recht schnell beiseite zu schieben. Ich bin heute noch unendlich dankbar dafür, dass es uns gelungen ist, aktiv zu bleiben und uns nicht von der Angst lähmen zu lassen. Ich habe keine Ahnung woher all diese Kraft und Energie gekommen ist. Aber eines ist klar: Wir wollen das Wunder schaffen. Wir wollen diesen Gehirntumor überleben.

Die Angst der ersten Woche ist gewichen, die Unsicherheit bleibt. Sie wird wohl immer bleiben, aber man lernt damit zu leben. Und gerade über die Nacht, habe ich mir angewöhnt, Ulfs Hand zu halten. Egal, welche Schlafposition ich einnehme. Ich greife schon reflexartig zu seiner Hand. Es beruhigt uns. Es beruhigt ihn, weil er weiß, dass ich da bin. Es beruhigt mich, weil ich seine warme Hand spüre, die sich ab und an bewegt und die mir sagt: „Ich lebe.“

Wir genießen jeden Sonnenaufgang bewusst.

Jeder Tag beginnt für uns sehr früh. Jeden Morgen klingelt der Wecker um 05:30 und erinnert uns an die Medikamente, die wir in klar geregelten Zeitabständen bis 08:00 zu uns nehmen müssen. Wir müssen sehr früh aufstehen, aber das hat auch sein gutes. Wir erleben den Sonnenaufgang jeden Morgen ganz bewusst – ganz unabhängig davon, wo wir gerade unterwegs sind. Wir finden immer einen Platz, wo wir die Energie der Sonne bewundern können. Das gibt uns Kraft für den ganzen Tag und erinnert uns daran, dass ein neuer Tag eine neue Chance bietet.

Einen weiteren Schritt in Richtung Leben. Ein weiterer Tag, der uns zu zweit geschenkt wurde und aus dem wir das beste machen. Jeden Tag aufs Neue.

Natürlich gibt es noch so viel mehr Dinge, wofür wir dankbar sind. Aber es war uns wichtig, diese 3 Dinge festzuhalten. Es sind normale und ganz einfache Dinge, die noch größere Bedeutung finden, wenn man sich um der Gefahr bewusst ist, gewisse Fähigkeiten eines Tages verlieren zu können. Erst dann weiß man das Gehen, Sehen, Sprechen und Fühlen können wieder zu schätzen. Es sind die vermeintlichen Kleinigkeiten, die einen großen Verlust bedeuten können.

Hast Du schon mal darüber nachgedacht, worüber Du dankbar bist? Vielleicht findest Du abends zwei Minuten Zeit dafür. Das lohnt sich.

Lass es auch an Deinem Bilderhimmel funkeln.
Alles Liebe, Ulf & Berny

Kommentare

  1. Birgit

    ich bin dankbar diese Zeilen lesen zu dürfen.

  2. Monika

    Ein wunderbares Projekt getragen von zwei fantastischen Menschen!
    Wir wünschen euch viele weitere Sonnenstunden, Monika & Gerhard

  3. Gudrun und Karli

    Danke für euren Mut und eure Geschichte mit dem Bilderhimmel. Eure Liebe ist spürbar – viel Kraft und alles Glück wünschen wir euch von Herzen.Gudrun u Karli

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